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Marianne Jensen und Arno Hermer

Seit 1985 verbindet mich mit Marianne Jensen und Arno Hermer ein tiefe Freundschaft. Über Kultur, Kunst, Theater führten wir unzählige Gespräche. Und immer hatte ich nachträglich das Gefühl dass ich reich beschenkt worden bin und zwar nicht nur weil ich bekommen habe, sonder auch geben durfte. Genau so ist es mit dem Text, den die beiden für mich erst für die Zeitschrift Nike geschrieben hatten und der dann im Katalog: Vincenzo Baviera, Arbeiten 1987 - 1994 dauerhaft niedergelegt wurde. Herzlichen Dank Marianne und Arno.


Theater, Malerei, Musik, Bücher, Reisen, Tehaterpädagogik usw. usw. sind ihre Betätigungsfelder:

www.herjeh.de
 

 

Marianne Jensen: Sporen 1996 (Pilzsporen auf Papier)  ►

 

 

 


DAS MENSCHLICHE MASS


Anmerkungen zum plastischen Werk
von Vincenzo Baviera

von Marianne Jensen und Arno Hermer

 

Im Zürcher Umland, im Stahlort Dietikon, Baut Baviera 1989 eines seiner Stadtobservatorien. es ist ein begehbarer Käfig in Form eines weit gespreizten Y, der hart an eine Durchgangsstraße stößt. Eine häßliche, laute Umgebung. Wer das Stadtobservatorium betritt, steht so nah an der Straße, wie er das sonst nie riskieren kann, nur umschlossen von solide verarbeitetem Stahl. Der Blick auf die Straße verändert sich. Die Stäbe im Blickfeld lassen das gewohnte Bild fremd werden. So stark distanziert sonst nur ein Bildschirm. Hinzu kommt hier ein kindlicher Spass am Hineinlaufen in den Stahltunnel: Ich spiele da, wo es sonst eigentlich viel zu gefährlich zum Spielen ist, an einer Kreuzung. Ich bin geschützt und ausgeliefert zugleich.


Sieht man sich das Objekt von der anderen Straßenseite an, dann wird offenkundig, wie genau, ja schon fast hinterhältig Baviera es in den Ort eingefügt hat. Das Terrassengeländer des Cafés an der Straße schließt sich optisch ohne Bruch an die Oberkante des Observatoriums an. Das ist dennoch ein eher zufälliger Effekt, der den Humor seiner Arbeiten aufblitzen lässt. Im Innern des Käfigs bewegen sich Passanten. Sind sie nur neugierig genug, können sie das Ganze mit allen Sinnen erfassen. Die Stahlwände verändern den Klang der vorbeifahrenden Autos, sie haben zudem ihren eigenen Ton. Die Trittgeräusche auf den Bodenblechen mischen sich mit den Stimmen der Vorübergehenden, das Stahldach verändert das Geräusch des Regens. Jeder Bereich des stählernen Ganges hat seine spezifische Tastqualität; es lassen sich unterschiedliche Geräusche ausmachen. Schwitzwasser und Regen haben Rostfelder von Orange bis Schwarz auf den Stahl gezeichnet.


Alle Arbeiten, die Vincenzo Baviera baut - und hier stimmt der Handwerkerbegriff wie selten bei einem Bildhauer - laden zu aktiver Bewegung ein. Man kann hineingehen, sie in Bewegung versetzen, zum Klingen bringen, ihr Zeitmaß erleben. Immer erfährt der Betrachter etwas über seine Existenz im öffentlichen Raum, über die bis dahin unbefragten Perspektiven des Alltäglichen und der Architektur.

So macht ein anderes Stadtobservatorium, 1985 in Zürich gebaut, den Moment erlebbar, in dem Innen und Außen einander ablösen, den Übergang vom Gesicherten ins Unsichere: Zum Fenster des Ausstellungsraumes steigt eine Stahltreppe mit hohen Stahlwänden an, durchquert den Fensterrahmen, in dem man die Flügel öffnen muss, um hinaus zu gelangen. An der Außenseite des Gebäudes mündet die Treppe, wieder absteigend, in einer Metallkanzel, die etwa zwei Meter von der Wand des Hauses freischwebend absteht. Sie hat genau den Platz, der einen Menschen umschließt. Das Erlebnis ist nachhaltig verändernd.

Die äussere Einteilung beim plastischen Werk Vincenzo Bavieras kann sich an Dimensionen orientieren: Da sind die Stadtobservatorien begehbare Bauten im öffentlichen Raum. Eine andere Werkgruppe machen die " Räderwerke" aus, bei denen große Räder mit Durchmessern bis zu vier Metern, gebaut aus Metall oder Holz, durch Seile oder Ketten miteinander verbunden sind. Sie bewegen sich nur gemeinsam. Andere Arbeiten überschreiten diese Größenordnung noch deutlich. Ein" Rad" aus dem Jahre 1983, begehbar und in Bewegung zu versetzen, erreicht 13 Meter im Durchmesser und 7 Meter Höhe.


Menschengröße haben die "Stehdreher" : Eine Metallscheibe, eine Tragachse, zwei Metallstäbe auf denen die einfache Konstruktion an die Wand gelehnt steht. Sie wirken durch ihr genau kalkuliertes Gleichgewicht von exakter Planung und Labilität archaisch, kindlich und hochpräzise zugleich: Schubkarren, Strichmännchen, Sonnenwagen, Vermessungsinstrumente. In diesen Arbeiten ist eine erstaunliche Versöhnung gelungen. Hier existieren Naivität und höchste Bewusstheit nebeneinander, erwachsene Materialbeherrschung und störrische Fremdheit.


Dieselben Grundprinzipien scheinen in den kleinen Plastiken zu gelten. Aus industriellen Halbfabrikaten wie Stangenprofilen, Winkeleisen und Blechen konstruiert Baviera hochsensible Seismographen: Für eine Ausstellung seiner" Architekturen" - Kleinplastiken - zog er in die Galerie Lüpke einen federnden Tanzboden ein. So konnte das Verhältnis zwischen den Masse- und den schwingenden Teilen der Skulpturen jeden Schritt der Galeriebesucher abbilden. Ob sie "Kopf eines Königs", "Architekturen" oder "Städte" heißen, jedes der Objekte antwortet auf die Anwesenheit von Menschen, indem es deren Schwingungen aufnimmt. Der genaue Beobachter kann sogar die Resonanz seiner eigenen Stimme in dem metallenen Widerpart hören, kann das Abbild seiner Schritte erkennen.


Eine der stärksten Werkgruppen der letzten Zeit, die Kleinplastiken mit dem Namen "Kopf eines Königs" , formulieren eines von Bavieras Grundthemen auf engstem Raum. Es hatte von jeher auch seine großen Arbeiten bestimmt: Die Hoffnung, der Mensch sei souverän genug, seine Machtgebärden spielerisch, für sich selbst zu formulieren, ohne Dritte dazu missbrauchen zu müssen. Die Konstruktionselemente der Arbeiten sind so aufeinander bezogen, dass sie sich auch gegenständlich lesen lassen. Darauf deuten einige Titel hin: " Müder Krieger" , "Wächter" .


Dennoch kommt Bavieras Arbeit ohne jede Metapher aus. Alles bleibt durchschaubar, klar, nachvollziehbar. Nichts ist verschliffen, verspachtelt, vertuscht, nichts zielt auf Einschüchterung, nichts ist zynisch. Er beharrt auf der Bewegung, die seinen Arbeiten innewohnt, möglichst alle Sinne will er an dem beteiligen, was er "Besiedelung" nennt. Das ist eines der Schlüsselworte für seine Bildhauer-Architektur. Besiedelung ist das Gegenteil von Eroberung. Sie schafft neuen Raum.


Hinzu kommt der Ethos eines Hand-Werkes: " Bei meiner Arbeit möchte ich ohne viel Fremdarbeit aus- kommen. Wenn ich Aufträge auswärts vergebe, halte ich mich davon ab, eigene praktische Erfahrungen zu machen und dabei zu lernen." Die Art, wie Vincenzo Baviera die Grundmaterialien verwendet, verändert ihre gewohnte Sinnesqualität. Eisen, sonst hart, kalt, schwer wird warm, schwebend, organisch. So erinnert ein Großobjekt in Recklinghausen an einen filigranen Flugapparat, ein Blattgerippe, das der Wind jederzeit verwehen kann. Dabei ist es 12 Tonnen schwer, aus Fahrleitungsmasten und dem 6-Meterrad eines Förderturms gebaut.


Gerade ihre Konkretheit verschafft seinen Plastiken und Installationen die Fähigkeit, den Betrachter an die Grenze seiner Wahrnehmung zu führen. Das "Wasserwerk" im Züricher Vorort Dübendorf zeigt, inmitten eines Baches, eine Konstruktion, bei der schrägstehende Metallstangen scheinbar bewegungslos über die Wasserfläche ragen. Ein Getriebe. das vom Durchfluss des Wassers gesteuert wird, bewegt sie im Verlauf von 15-20 Minuten hin und her. Es entzieht sich der unmittelbaren Beobachtung. Wer davorsteht, kann sein Zeitgefühl, seinen Sinn für Langsamkeit prüfen. Manchmal bricht Streit zwischen den Betrachtern aus: "Es ist nicht in Betrieb!" Dennoch begegnen sich die Stangen alle 20 Minuten einmal. Wie die meisten seiner Arbeiten behauptet auch diese bewegliche Plastik die Stellung gegen die Einengung von Wahrnehmung und Erfahrung:


" E poi si move! " Und sie bewegt sich doch. Der widerborstige schweizer Italiener Vincenzo Baviera beharrt mit seinen Objekten deren größte ohne Schwierigkeit Haushöhe erreichen auf dem menschlichen Maß als der verpflichtenden Grundeinheit.